Lesung Richard Weihs

Am 17. Dezember 2025 fand in der 4. und 5. Stunde eine Lesung mit Richard Weihs statt. Der Autor, Musiker und Kabarettist stellte die beiden Bände seines Werkes „Zertrümmerte Erinnerung am Semmering“ vor – eine vielschichtige Auseinandersetzung mit österreichisch-jüdischer Geschichte, Enteignung, Vertreibung und Erinnerung.

Familiengeschichte als Zeitgeschichte

Im Zentrum der Lesung stand die jüdische Familiengeschichte väterlicherseits von Richard Weihs. Die Familie stammt aus dem Gebiet des heutigen Polens, damals Schlesien, und war außergewöhnlich groß: 13 Kinder. Anhand dieser Biografie entfaltet Weihs ein Panorama jüdischen Lebens vor, während und nach der NS-Zeit.

 

Besonders eindringlich waren die Originalzitate aus Zeitungen, die dem NS-Regime nahestanden. Weihs las Zeitungsausschnitte vor, die – kontextualisiert mit der eigenen Familiengeschichte – die ideologische Kälte und Brutalität der Zeit spürbar machten. Ergänzt wurden diese Texte durch Augenzeugenberichte, die Anekdoten aus Kriegs- und Nachkriegszeit lebendig werden ließen.

 

Überleben, Hunger und Erinnerung

Weihs erzählte Geschichten einzelner Familienmitglieder, darunter Berichte von Todesmärschen und Eindrücke aus Konzentrationslagern. Bewegend war eine Szene, in der Gefangene – im Angesicht des Hungers – Rezepte austauschten: Gespräche darüber, was sie kochen würden, wenn sie Essen hätten. Diese scheinbar kleinen Momente offenbarten Menschlichkeit und Überlebenswillen in unmenschlichen Bedingungen.

 

Der Semmering: Hoffnung, Ausgrenzung und Arisierung

Ein zentraler Schauplatz der Bücher ist der Semmering. Weihs erzählte von Henriette Weiss, einer jüdischen Philanthropin, die nach dem frühen Tod ihres Mannes Wohlfahrt zu ihrem Lebensthema machte. Sie initiierte unter anderem eine Luftkur im Sanatorium am Semmering für Tuberkulosekranke und baute soziale Einrichtungen auf, etwa Heime in Mauer.

Weihs berichtete zudem von den langwierigen Problemen nach der Enteignung, etwa bei Restaurierungen, und von seinen intensiven Recherchen zur Enteignung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bürgerinnen und Bürger des Semmerings.

 

Fragen aus dem Publikum

In der anschließenden Fragerunde ging Weihs unter anderem auf die Frage nach Religion ein: Diese habe in seiner Familie keine große Rolle mehr gespielt, sein Vater sei bereits katholisch gewesen. Zur Recherchearbeit erklärte er, dass es sehr viele Akten gebe, die oft leicht zugänglich seien – allerdings manchmal falsch eingeordnet. Viel Material sei erhalten, jedoch noch nicht vollständig gesichtet oder wissenschaftlich aufgearbeitet.

Dass sich die Familie schon früh für ihre Geschichte interessiert habe, habe das Schreiben der Bücher erleichtert: Kontakte, Dokumente und Wissen waren bereits vorhanden.

Auf die Frage, was wir aus dieser Zeit lernen können, antwortete Weihs eindringlich:

Der Gefahr eines totalitären Staates und eines völlig unfreien Lebens mit maximalen Vorurteilen müsse man sich entschieden entgegenstellen – solange es noch möglich ist.

 

Weitere Werke von Richard Weihs

Neben „Zertrümmerte Erinnerung am Semmering“ ist Richard Weihs auch durch zahlreiche andere Veröffentlichungen bekannt, darunter:

WIENER WUT – Das Schimpfwörterbuch (Pichler Verlag)

WIENER WITZ – Der Schmähführer (Pichler Verlag)

KLEINE FREIHEITEN – Gedichte und Geschichten (Arovell Verlag)